INTERVIEW MIT NORWEGISCHEN AUSTAUSCHSCHÜLER*INNEN

Wie jedes Jahr gibt es auch in diesem Schuljahr 12 Schüler*innen aus Oslo, Norwegen, an der PNS. Tyra, Martine und Simon waren so nett, mit mir über die Kultur und die Schule in Norwegen zu reden.

Was sind die größten Unterschiede zwischen der deutschen und norwegischen Schule?
Martine: In Norwegen arbeiten wir viel mehr mit Schulbüchern und nicht so vielen Kopien. Wir haben nicht mal einen Hefter für jedes Fach, weil alle unsere Arbeitsmaterialien in unserem Buch sind. Wir arbeiten auch öfter selbstständig oder in Gruppenarbeit und es gibt wenig Frontalunterricht.
Tyra: Außerdem zählt mündliche Mitarbeit nur ganz wenig für unsere Note. Stattdessen schreiben wir viele Tests über das Jahr verteilt und halten häufig Präsentationen. In einigen Fächern gibt es ein großes Examen am Ende des Schuljahres. Aber für Lehrer, glaube ich, macht es mehr Spaß, in Deutschland zu unterrichten, weil die Schüler viel aktiver sind.
Simon: Und dann benutzen wir Computer, wir schreiben eigentlich nie von Hand. Daran mussten wir uns in Deutschland erst einmal gewöhnen.
M: Überhaupt benutzen wir modernere Technik, zum Beispiel haben wir in jedem Klassenraum ein Smartboard anstelle einer Tafel.
T: Und OH-Projektoren haben wir das letzte Mal gesehen, als wir in der ersten Klasse waren.

Wo findet ihr die Schule denn schwerer, in Deutschland oder Norwegen?
S.: Für uns natürlich in Deutschland, weil wir deutsch sprechen müssen. Ansonsten ist es aber schwer zu sagen.
T.: In Norwegen gibt es eben viel Druck mit den Prüfungen, weil diese so viel zählen.

Und wo macht Schule mehr Spaß?
T.: In Norwegen, weil ich dort mehr Leute kenne und es einfach ist, in den Pausen mit ihnen auf Norwegisch zu reden. In Deutschland sind die Pausen sehr kurz und es fällt uns manchmal schwer, auf Deutsch ein Gespräch zu beginnen.
M.: Es gibt übrigens noch einen Unterschied: Die Pausen sind so kurz. In Norwegen haben wir eine lange Mittagspause und da gehen dann alle zusammen essen.
T.: Und man freundet sich eben schnell an, wenn man jeden Tag eine ganze Stunde mit den Mitschülern verbringt.

Also dürft ihr in der Pause auch die Schule verlassen?
S.: Ja, bei meiner Schule gibt es einen McDonalds, wo viele von uns fast jeden Tag hingehen.

Wie war denn euer erster Schultag an der PNS?
M.: Ich war so, so nervös!
T.: Ja, ich habe gezittert vor Aufregung!
M.: Ich hatte eigentlich erwartet, dass alle sehr interessiert an uns sind, weil wir aus Norwegen kommen. Aber ich glaube, viele Schüler haben sich nicht sofort getraut, uns anzusprechen.
S.: Ein paar Leute kamen aber schon, nach einer Weile zumindest.
T.: Ich fand eigentlich, dass die Leute netter waren, als ich erwartet hatte.

Was würdet ihr denn sagen ist „typisch norwegisch“?
T.: Ein norwegischer Politiker hat mal gesagt, es sei typisch norwegisch, gut zu sein. Aber ich finde, dass ist ein bisschen arrogant.
M.: Und Skifahren!
T.: Unsere Kultur ist uns sehr wichtig. Wir denken gerne, dass wir anders als alle anderen sind.

Am 17. Mai ist ja Nationalfeiertag in Norwegen. Was wird denn da gefeiert und wie?
S.: Der 17. Mai ist unser Nationalfeiertag, weil an diesem Tag 1814 die norwegische Verfassung verabschiedet wurde.
M.: Früh morgens gibt es einen Umzug mit einer Blaskapelle für alle Kinder. Die Erwachsenen gucken zu und die ganze Stadt ist sehr voll.
T.: In Oslo, wo wir wohnen, geht der Umzug bis zum Königlichen Palast und die Königsfamilie winkt den Kindern zu.
S.: Und man isst so viel, wie man kann. Vor allem gibt es Würstchen und Eis.
Martine: Und abends gehen dann alle feiern!
S.: In Oslos größtem Park steigt nämlich eine riesige Party!
T.: Vor allem die Abiturienten haben immer eine große Abschlussparty an dem Tag. Sie kaufen einen Kleinbus und fahren mit lauter Musik durch die Gegend und feiern die ganze Nacht.
S.: Wenn man mal nach Norwegen fährt, wäre das bestimmt interessant mitzuerleben. Definitiv spannender als der 3. Oktober in Deutschland …

Und was ist mit den Trachten, die ihr an dem Tag tragt?
T.: Das sind traditionelle Kleider. Sie heißen Bunad.
S.: Die tragen aber hauptsächlich Frauen. Ich kenne nur wenige Männer, die eine Bunad haben. Die meisten tragen Anzüge.

Und was findet ihr, ist „typisch deutsch“?
S.: Es ist ein Klischee über Deutsche, dass sie sehr viel trinken. Aber es ist weniger, als ich gedacht habe. Trotzdem, es gibt sehr viel Bier in Deutschland.
T.: Ja, Norweger trinken eigentlich genau so gerne …
M.: Mir ist auch aufgefallen, dass Deutsche umweltbewusster sind. Zum Beispiel will meine Gastfamilie, dass ich immer das Licht ausmache, wenn ich mein Zimmer verlasse.
T.: Und Schüler in Deutschland haben viel Disziplin, wenn es beispielsweise um Hausaufgaben geht.

Was vermisst ihr von zuhause?
T.: Die schöne Natur – die Küste und die Berge. Und natürlich meine Freunde.
M.: Meine Haustiere und meine Familie.
S.: Mein Bett!

Warum wolltet ihr überhaupt nach Deutschland kommen?
S.: Ich wollte eigentlich immer schon ein Auslandsjahr machen, weil ich etwas Neues erleben wollte. Außerdem wollte ich gerne eine dritte Sprache lernen.
T.: Also, zuerst wollte ich ja nach Australien, aber dann hat mir das Programm gut gefallen, weil wir zwischendurch auch nach Hause fahren können.
S.: Ja, unser Programm ist wirklich sehr gut. Wir bekommen viel Hilfe und speziellen Unterricht, damit wir die Klasse in Norwegen nicht wiederholen müssen.

Hat euch die Zeit hier denn als Person verändert?
T.: Ich weiß nicht, ob meine Freunde es so sehr merken würden, aber meine Denkweise hat sich schon etwas verändert.
S.: Ich war früher nicht so der Party Mensch, aber hier gehe ich gerne feiern.
M.: Ich glaube, ich bin erwachsener geworden. Wir sind auf uns selbst gestellt, weil wir nicht ständig unsere Eltern hier haben. Und das macht mich reifer und selbstständiger.

Gibt es denn noch etwas, was ihr sagen wollt?
T.: Ich habe manchmal das Gefühl, dass die deutschen Schüler denken, wir Norweger sind lieber unter uns, weil wir so gut befreundet sind. Aber ich glaube, alle von uns wünschen sich, auch mit Deutschen befreundet zu sein. Es ist eben schwieriger für uns, deutsch zu sprechen als norwegisch, und deshalb trauen sich einige von uns vielleicht nicht immer, ein Gespräch anzufangen. Aber wir sind ja nicht nach Deutschland gekommen, um nur mit Norwegern zu reden.
M.: Ja, manchmal fühle ich mich etwas alleine, weil ich noch nicht so viele Leute kennen, und das ist eigentlich schade.

Es war ein sehr nettes Gespräch mit Tyra, Martine und Simon. Ich hoffe, dass viele von euch sich zu Herzen nehmen, was sie gesagt haben. Denn wer die norwegischen Austauschschüler nicht anspricht, verpasst die Chance, ein paar wunderbare und interessante Menschen kennenzulernen.
– Lucie Wohlfarth

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