Kevin Kühnert: Hört, was ich zu sagen habe!

Für unsere Reihe “Auf einen Drink” haben wir uns mit Kevin Kühnert getroffen um mit ihm über Jugendbeteiligung, eine jüngerere Politik und seinem Antrieb zum Engagement zu sprechen. Hier lest ihr unserer XXL Interview!

Was fasziniert dich so an politischer Arbeit oder an Politik allgemein? Was ist dein Anreiz dafür?
Politik ist mein Hobby. Und das ist wahrscheinlich wie bei den meisten so: Bei Hobbys kann man gar nicht so gut beschreiben, was einen daran fasziniert. Es gibt Menschen, die haben ein Kümmer-Gen und nutzen so ziemlich jede sich bietende Gelegenheit, um sich für etwas einzusetzen. Bei mir hat das schon in der Schülervertretung angefangen und danach habe ich mir eine andere Spielwiese gesucht und dort meinen Spaß gefunden. Und das ist jetzt halt die Politik.

Was hast du in den letzten Monaten über Politik gelernt? Ist irgendwas anders, als du es dir vielleicht vorgestellt hast?
Ich glaube, das meiste kannte ich vorher schon, nur nicht aus dem eigenen Erleben heraus. Sofern habe ich gar nicht fürchterlich viel Neues gesehen, aber ich habe es viel intensiver erlebt. Ich bin jetzt heute ziemlich genau ein halbes Jahr Juso-Vorsitzender und im Prinzip ist das Fulltime-Politik, was man da macht. Das verstärkt bei mir noch mal den Respekt vor den Leuten, die das über Jahre hinweg als Standardprogramm machen, weil das unglaublich anstrengend und fordernd ist.


Kevin Kühnert  * 1.7.1989 in Berlin
• Aufgewachsen in Lichtenrade
• Wohnt in Schöneberg
• Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg (BVV)
• Arbeitet für ein Mitglied des Abgeordnetenhauses
• Seit 2017 Bundesvorsitzender Jusos


Hast du eine bestimmte Karriereplanung hinsichtlich bestimmter politischer Ämter?
Nein, habe ich nicht. Und das ist jetzt auch keine Politikerantwort oder so, sondern es trifft einfach zu. Politik ist kein Beruf im eigentlichen Sinne. Man kann es zwar eine Zeit lang als Beruf machen, aber aus guten Gründen kann man keinen unbefristeten Vertrag unterschreiben, sondern nur eine Zeit lang ein Mandant dafür haben. Deswegen sollte man auch nicht seine ganze Lebensplanung darauf ausrichten. Ich würde mich schon freuen, wenn sich die Möglichkeit ergibt, so viel Politik wie möglich machen zu können, was auch immer das genau am Ende bedeutet. Aber dafür muss ich nicht in irgendeinem Parlament sitzen.

Die Vorraussetzung zur Teilnahme an Demokratie ist nicht täglich drei Tageszeitungen zu lesen!

Für wie wichtig hältst du politische Partizipation von Jugendlichen in der Bezirkspolitik?
Für sehr wichtig, da es das Thema ist, mit dem ich mal angefangen habe, mich mit Politik zu beschäftigen. Ich bin in Steglitz zur Schule gegangen und wir haben damals, als ich noch Schülersprecher im Bezirk war, mit anderen zusammen ein Kinder- und Jugendbüro mit auf den Weg gebracht. Von der Idee her ist das ein bisschen so ähnlich wie das Kinder- und Jugendparlament hier, also eine Schnittstelle zwischen jungen Menschen im Bezirk und Verwaltung und Politik auf der anderen Seite. Wir wissen alle, dass diese zwei Seiten nicht immer die gleiche Sprache sprechen. Und deswegen braucht es Leute dazwischen, die übersetzen können, damit die guten Ideen nicht verloren gehen.
Ich halte es immer noch für einen großen Fehler in unserer Demokratie, dass durch das Wahlrecht erst ab 18 Jahren so getan wird, als gebe es keine Notwendigkeit, Jüngere an politischen Prozessen zu beteiligen. Es heißt schließlich auch in der UN-Kinderrechtskonvention, dass Kinder und Jugendliche an allen sie betreffenden Prozessen und Entscheidungen zu beteiligen seien. Gute Idee, nur: So ziemlich alle Prozesse da draußen betreffen Kinder und Jugendliche, weswegen ich gar nicht weiß, wie man sie davon in irgendeinem Bereich ausnehmen kann.

Du hast dich ja bereits für eine Absenkung des Wahlalters ausgesprochen. Wie weit würdest du es senken wollen?
Wenn ich es mir ganz alleine aussuchen könnte, würde ich mich komplett gegen ein bestimmtes Wahlalter aussprechen und würde sagen, dass alle Menschen von Geburt an ein Wahlrecht haben und selbst entscheiden können, wann sie anfangen, dieses Recht wahrzunehmen. Ich bin zwar klar gegen ein Stellvertretersystem, bei dem Eltern für ihre Kinder wählen, aber wenn man das Gefühl hat, man möchte sich gerne beteiligen und sei informiert genug, dann sollte man das tun können. Da unterscheiden sich Kinder gar nicht so sehr von älteren Menschen. Viele sagen dann: „Oh Gott, da geht dann ein 8-Jähriger zur Wahl, der überblickt das doch gar nicht alles.“ Aber meine Güte, wir alle kennen Leute, die mitten im Leben stehen und auch nicht überblicken, was politisch abläuft. Niemand würde auf die Idee kommen, ihnen abzusprechen, sich an einer Wahl zu beteiligen. Die Voraussetzung zur Teilnahme an der Demokratie ist nicht, jeden Tag drei Tageszeitungen zu lesen.

Hört mir zu, was ich zu sagen habe und sagt mir, ob es Quatsch ist!

Was kann Bezirkspolitik von Jugendlichen lernen?
Was ich hier im Bezirk bei uns immer wieder von Kindern und Jugendlichen vor Augen geführt bekomme, ist, dass wir lernen können, Prozesse auch mal ein bisschen einfacher zu machen. Vieles dauert hier wahnsinnig lange und ich will jetzt nicht populistisch argumentieren, dass Bürokratie scheiße ist. Bürokratie und Verwaltung hat schon häufig einen Sinn, aber bei manchem machen wir uns die Arbeit unnötig schwer und zögern Ergebnisse ewig heraus. Ich glaube, dass nicht nur bei jungen Menschen, sondern bei ganz vielen Frustration eintritt, wenn zwischen dem Ansprechen eines Problems und der Lösung teils Jahre ins Land gehen. Und sie fragen sich, ob die Demokratie wirklich gut funktioniert, wenn die Lösung eines Problems so viel Zeit in Anspruch nimmt. Da macht uns dann ein Kinder- und Jugendparlament, das nicht einmal ein Jahr zur Verfügung hat, Feuer unter dem Hintern und hilft uns hoffentlich dabei, dass wir uns mal über unsere eigenen Strukturen Gedanken machen.

Das ist anstrengend, aber so ist Demokratie, die ist immer anstrengend.

Warum ist es aus deiner Sicht so wichtig, dass die Politik jünger wird?
Wenn Demokratie bedeutet, dass die Bevölkerung repräsentiert werden soll, von Leuten, die gewählt sind, dann sollte auch die ganze Breite der Bevölkerung zumindest ansatzweise abgebildet sein. Wenn ich sehe, dass im Bundestag von über 700 Abgeordneten weniger als 20 dabei sind, die noch nicht das dreißigstedreißigste Lebensjahr erreicht haben, dann stimmt da einfach etwas nicht. Ich will jetzt nicht, dass der Bundestag wie so eine statistische Stichprobe zusammengesetzt wird, wo dann aus jeder Altersgruppe eine bestimmte Anzahl von Leuten sitzen muss, aber es macht Politik einfach schlechter, wenn es so einseitig ist. Wenn beispielsweise über moderne Bildungspolitik, Digitalisierung oder den Umgang mit sozialen Netzwerken geredet wird und fast ausschließlich Menschen darüber reden, die nicht damit aufgewachsen sind, fehlt eine wichtige Perspektive. Und dann können kaum sinnvolle Entscheidungen getroffen werden. Und deswegen ist es so wichtig, dass auch viele Jüngere an der Politik beteiligt sind.

Was muss die Politik/Regierung zur Beteiligung junger Menschen tun? Reicht das schon aus deiner Sicht?
Die Beteiligungsmöglichkeiten für Jugendliche reichen nicht. Im Prinzip hat sich die Politik selbst eine eigene Grube geschaufelt. In Demokratie läuft Beteiligung über Wahlen, das ist zumindest die Mindestmöglichkeit, die jedem Einzelnen zusteht. Und wenn ich dann eine ganze Gruppe, also alle Menschen unter 18 Jahren, von dieser Beteiligung ausschließe und gleichzeitig Sätze aufschreibe, wie „Ich möchte Kinder und Jugendliche an ganz vielen Prozessen beteiligen“, dann muss ich andere Wege für eine Beteiligung finden. Und dann kann ich nicht irgendeinen gar nicht wirklich gewählten oder legitimierten Vorsitzenden irgendeiner Jugendorganisation oder eine Youtuberin nehmen und sagen: Wenn ich mit denen gesprochen habe, weiß ich, was Kinder und Jugendliche wollen. Sondern dann muss ich das bei jedem einzelnen Vorhaben durchziehen. Zum Beispiel in Steglitz-Zehlendorf, wo wir das Kinder- und Jugendbüro aufgebaut haben, war klar, dass jede Parkumgestaltung, jeder Umbau von einer Straße, jeder Spielplatz mit einem Beteiligungsverfahren für Kinder und Jugendliche kombiniert wurde. Also wenn ein Spielplatz gebaut werden sollte, wurden alle Kitas und Grundschulen der Umgebung eingeladen und die Kinder konnten ihre Wünsche äußern. Warum soll das nicht auch in größerem Rahmen funktionieren, wenn wir zum Beispiel über die Gestaltung des Tempelhofer Feldes reden. Warum kann man da keine Beteiligungsmöglichkeiten finden? Das ist zwar anstrengend, aber so ist Demokratie, die ist immer anstrengend.

Es geht nicht immer schön weiter geradeaus in die goldene Zukunft!

Wie müssen sich Parteien verändern, um attraktiver für junge Menschen zu werden und um ihnen wirkliche Beteiligung anzubieten?
Wir, das heißt alle demokratischen Parteien, sind nicht überall auf der Höhe der Zeit. Also wenn ich sagen müsste, wie eine Organisation aussieht, in der ich mich gerne beteiligen würde, würden sich die Leute nicht an eine deutsche Partei erinnert fühlen. Und trotzdem würde ich davor warnen, es jetzt nur auf mehr Onlinebeteiligung zu beschränken, weil die Leute angeblich keine Lust mehr haben, zu Ortsvereinssitzungen einer Partei zu gehen.
Es geht vor allem um die Themen. Gerade bei Digitalisierung wird darüber geredet, als sei es so ein hippes neues Phänomen, was vorgestern gerade aufgepoppt ist. Das ist aber nicht neu, sondern begleitet unsere Generation mindestens schon seit 20 Jahren. Dass wir immer noch darüber reden müssen, dass es in Schulen zum Teil immer noch Overhead-Projektoren gibt oder dass, sobald man drei Meter die Stadtgrenze von Berlin übertritt, das Handynetz zusammenbricht, sind alles Zustände, die man vielen nicht mehr erklären kann. Das geht dann so weit an der Lebensrealität von vielen jungen Menschen vorbei, dass ich sagen würde, das ist Punkt Nummer 1: die Realität, wie sie um uns herum ist, mal zu akzeptieren und nicht so einer Welt hinterherzutrauern, wie sie mal vor 30 Jahren war. Das passiert häufig in Parteien.

Was hat die GroKo in den nächsten Jahren vor, um Politik für Jugendliche attraktiver zu machen?
Wir haben uns vor allem vorgenommen haben, Jugendverbände zu stärken. Es geht darum, die Orte und die Strukturen, in denen Kinder und Jugendliche zusammenkommen, zu stärken und handlungsfähig zu machen. Das heißt, dass sie Geld und Treffmöglichkeiten zur Verfügungen haben und Menschen da sind, die dort hauptamtlich arbeiten und die Aufsicht übernehmen. Momentan ist das oftmals noch sehr schlecht ausgeprägt und wir wollen das auf jeden Fall verbessern. Und klar, wir werden über wirkliche Beteiligungsmöglichkeiten noch streiten müssen, aber dazu steht jetzt nicht fürchterlich viel im Koalitionsvertrag drin. Die SPD ist für eine Senkung des Wahlalters, CDU und CSU sind dagegen.

Über Pflichten wird einem genug erzählt, es ist auch immer gut, seine Rechte zu kennen.

Unter dem ‚#diesejungenleute‘ schilderten Anfang des Jahres viele junge Politiker*innen ihre Erfahrungen und auch du wurdest öfter auf dein Alter reduziert. Wie kann man dem begegnen?
Man muss einfach besser sein als die. Das ist zumindest ein Teil des Problems. Ich habe mir diesen Hashtag zwar nicht ausgedacht, er ist aber entstanden, als ich damals bei Maybrit Illner in der Sendung saß und die volle Breitseite bekommen habe: Sie hat zweimal meinen Nachnamen falsch ausgesprochen, ein Typ hat mich die ganze Zeit geduzt, jemand anderes hat über mich in der dritten Person gesprochen und ich kam mir so vor wie im Kindergarten. Klar, ich habe mir auch in der Sendung überlegt, ob ich das thematisieren sollte, aber da kommt man ganz schnell in eine Situation, in der man sich selbst zum Thema macht und nur noch darüber redet, wie alt man ist und wie man behandelt wird. Und eigentlich will ich genau das nicht, ich will ihnen klar machen, dass es nicht um das Geburtsdatum auf meinem Personalausweis geht.
Hört mir zu, was ich zu sagen habe, und sagt mir, ob es Quatsch ist. Aber sagt mir das inhaltlich und nicht mit Verweis darauf, dass ich noch ein bisschen jünger bin als die Menschen, die in der Regel in einer solchen TV-Show sitzen. Wenn ich also in einer Talkshow bin, ist Regel Nummer 1, gut vorbereitet zu sein und dafür zu sorgen, dass keiner, der ein ordentliches Urteil fällen will, sagen kann, dass der Typ ja gar nicht weiß, wovon er redet. Das wird aber nicht bei allen helfen. Es gibt Leute, bei denen sitzen die Vorurteile einfach zu tief. Es gibt immer einen Teil in der Bevölkerung, bei dem jede Aufklärungs- und Diskussionsarbeit folgenlos bleiben wird, weil sie einfach Scheuklappen aufhaben und nicht zuhören.

Was sind deine drei wichtigsten politischen Positionen, für die du dich einsetzen möchtest?
Das ist immer eine tödliche Frage in der Politik, wenn man sich bei irgendwas auf drei Sachen beschränken muss. Ich kann einfach Ungerechtigkeiten auf den Tod nicht ab und das hat vor allem in der Politik mit finanziellen und sozialen Ungerechtigkeiten zu tun. Das ist für mich ein ganz großer Antrieb. Ich verstehe nicht, warum es so viele akzeptieren, dass wir in einer sehr reichen Gesellschaft leben, in der es aber völlig überdurchschnittlich vielen Menschen echt dreckig geht. Das ist so der erste Punkt, der mir total gegen den Strich geht. Mir geht es darum, vor allem auch das, was wir in Europa geschaffen haben, zu verteidigen. Unsere Generation ist eine, die merkt, dass Fortschritt keine Einbahnstraße ist und dass es auch Leute gibt, die Dinge wieder zurückdrehen wollen, die unsere Eltern und Großeltern einmal mühsam erkämpft haben. Dass es also nicht einfach immer schön weiter geradeaus in die goldene Zukunft geht. Ansonsten natürlich, der Kampf gegen rechts. Gerade als jemand mit deutschem Pass ist es für mich der Antrieb für meine ganze politische Arbeit. Ich weiß gar nicht, wie man als Mensch in Deutschland nicht mehr politisch sein kann, vor allem bei dem, was vor kaum mehr als 70 Jahren in unserem Land passiert ist. Es leben noch Leute, die den Holocaust überlebt haben und allein das müsste schon reichen, sich vor Augen zu führen, dass man sich engagieren, einbringen und die Demokratie verteidigen möchte.

Gibt es noch irgendwas, das du unseren Leser*innen mitteilen möchtest?
Die klassische Empfehlung von Ex-Schülersprechern an Leute, die es heute machen: Immer ein Schulgesetz in der Tasche haben. Es ist gut, wenn man Konflikte auch ohne Schulgesetz lösen kann, aber mir hat es ganz häufig geholfen. Wir haben nicht unbedingt das schlechteste Schulgesetz in Berlin, wenn es um Beteiligung von Schülern geht. Über Pflichten wird einem genug erzählt in der Schule, es ist deshalb auch immer gut, etwas über seine Rechte zu wissen.

Erschienen in Ausgabe 03/2018 (Juni) | von Paulina Adzic & Justin Sudbrak

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